Hauptmerkmale bei AD(H)S
ADHS bei Erwachsenen lässt sich durch drei Hauptmerkmale charakterisieren, wobei diese sich in ihrer Ausprägung und Erscheinung individuell unterscheiden und sich im Laufe der Entwicklung verändern können. Gemäß der Definition müssen die ADHS-Symptome für eine Diagnose bereits im Kindesalter auftreten, sie werden aber manchmal erst im Erwachsenenalter als solche erkannt. Diese Hauptmerkmale sind Defizite in manchen Bereichen der Aufmerksamkeitsverarbeitung, Hyperaktivität und Impulsivität.
Hyperaktivität und Impulsivität
Hyperaktivität äußert sich oft in innerer Unruhe, Nervosität und einer allgemeinen Übererregtheit. Betroffene haben einen hohen Bewegungsdrang, sind motorisch unruhig, haben Schwierigkeiten, sich zu entspannen und fühlen sich wie innerlich getrieben. Die Symptomatik wird häufig äußerlich durch typische Verhaltensweisen sichtbar, welche dazu dienen, die innere Unruhe abzubauen. In der Regel nimmt die Hyperaktivität bei ADHS bei Erwachsenen ab oder tritt weniger deutlich zutage. Sie wird von den Betroffenen eher als innere Anspannung oder Gedankenrasen wahrgenommen. Die Unruhe kann aber auch bei Erwachsenen weiterhin äußerlich sichtbar sein, zum Beispiel durch Beinwippen, permanentes Hantieren von Gegenständen (Stifte, etc.) oder durch einen auffälligen Rededrang. Viele Betroffene versuchen, ihre überschüssige Energie und Anspannung durch intensiven Sport oder andere Aktivitäten zu kompensieren.
Personen mit ausgeprägter Impulsivität haben Schwierigkeiten dabei, automatische Verhaltensweisen zu unterdrücken, auch wenn diese in der individuellen Situation unangemessen sein können. Sie neigen beispielsweise dazu, andere häufig in Gesprächen zu unterbrechen und ihre Gedanken spontan auszusprechen, ohne vorher abzuwägen, ob die Aussagen möglicherweise verletzend sind. Entscheidungen werden oft spontan und ohne gründliches Nachdenken über mögliche Konsequenzen getroffen, was sowohl persönliche Beziehungen als auch die berufliche Laufbahn beeinträchtigen kann. Dies kann sich in finanziellen Schwierigkeiten oder problematischen Konsequenzen der Entscheidungen im Alltag widerspiegeln. Risikoreiches Verhalten (z.B. im Sport) und „Sensation Seeking“ können zu häufigen Verletzungen oder anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Hinzu kommen häufig starke Stimmungsschwankungen, eine geringe Frustrationstoleranz und eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Stress. Betroffene reagieren vor allem bei kognitiver Überlastung gereizt, was mit Belastungen im sozialen Umfeld einhergehen kann.
Besonderheiten in der Aufmerksamkeitsverarbeitung
Das Aufmerksamkeitsdefizit bei ADHS äußert sich durch die Schwierigkeit, sich über längere Zeiträume hinweg auf eine Aufgabe oder ein Gespräch zu konzentrieren. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Aufgabe oder der Gesprächsinhalt als uninteressant erlebt werden. Betroffene sind dann leicht durch äußere Reize oder eigene Gedanken abgelenkt, wodurch es ihnen schwerfällt, wichtige Informationen zu verarbeiten und bei einer Tätigkeit zu bleiben. Typisch sind eine schnelle Ermüdung bei monotonen Aufgaben, häufiges Tagträumen sowie Schwierigkeiten, Arbeits- oder Gebrauchsanweisungen genau zu befolgen. Oft werden Arbeiten nur oberflächlich erledigt oder vorzeitig abgebrochen, weil die Motivation nachlässt oder andere Reize interessanter erscheinen. Zudem fällt es Menschen mit ADHS schwer, Prioritäten zu setzen und Aufgaben strukturiert abzuarbeiten, was zu Chaos im Alltag und im Berufsleben führen kann: Termine werden häufig vergessen oder nicht korrekt notiert, Schlüssel, Geldbörsen oder andere wichtige Gegenstände werden verlegt oder verloren. Flüchtigkeitsfehler reduzieren die Effizienz der eigenen Arbeit. Auch in Gesprächen zeigt sich das Defizit: Betroffene hören oft nur mit halbem Ohr zu, verlieren den Faden oder vergessen, was gesagt wurde. Diese Herausforderungen erschweren nicht nur den beruflichen Alltag, sondern können auch das soziale Miteinander belasten, da andere das Verhalten als Desinteresse oder Unzuverlässigkeit missverstehen.
Im Gegensatz zur Ablenkbarkeit kann ADHS auch mit einer besonderen Fähigkeit zum Hyperfokus einhergehen. Wenn Betroffene sich für ein Thema oder eine Tätigkeit begeistern, können sie völlig darin versinken und ihre gesamte Aufmerksamkeit darauf richten – oft über Stunden hinweg, ohne Müdigkeit oder Ablenkung wahrzunehmen. Während dieser Phasen im Hyperfokus sind sie extrem konzentriert, hochmotiviert und produktiv. Aufgaben werden mit großer Hingabe und Detailgenauigkeit sowie mit Perfektion bearbeitet. Allerdings kann der Hyperfokus auch problematisch sein: Betroffene verlieren oft das Zeitgefühl und vergessen dabei ihre Umgebung, Verpflichtungen oder grundlegende Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen oder das unabsichtliche Übergehen von Terminen und Verabredungen. Der Hyperfokus ist somit eine besondere Eigenschaft von ADHS, die sowohl Stärken als auch Herausforderungen mit sich bringt. Richtig genutzt, kann er eine wertvolle Ressource sein – erfordert jedoch Strategien, um den Übergang zwischen intensiver Konzentration und anderen Alltagsaufgaben besser zu steuern.
Vergesslichkeit bei ADHS
Vergesslichkeit, Lernprobleme und Gedächtnisproblem sind bei ADHS häufig. Typisch ist, dass Betroffene sich nur schwer an Einzelheiten aus ihrer Kindheit erinnern können. Die Vergesslichkeit wird durch Defizite in Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung und Exekutivfunktionen verursacht. Neurobiologisch liegt eine veränderte Aktivität im präfrontalen Kortex sowie ein Dopamin- und Noradrenalin-Ungleichgewicht zugrunde.
Besondere Stärken und Fähigkeiten von Personen mit ADHS
Früher war die Sichtweise auf ADHS vor allem defizitär im Sinne einer Störung oder einer Erkrankung fokussiert. Heute wird ADHS bei Erwachsenen zunehmend als eine folge von vielen Varianten der (Gehirn-)Entwicklung betrachtet. Diese Vielfältigkeit in der Gehirnentwicklung wird im Begriff Neurodiversität gefasst. Solche Variationen in der Gehirnentwicklung werden nicht mehr als Erkrankung gesehen (die man haben kann oder nicht), sondern sie führen zu Entwicklung von mehr oder weniger ausgeprägten Eigenschaften, die auf einem Kontinuum liegen (Menschen können sich z.B. besser oder schlechter auf bestimmte Tätigkeiten fokussieren). ADHS gehört damit zur menschlichen Vielfalt genauso wie Variationen der Augenfarben oder Körpergrößen. Es stellt eine (mehr oder weniger ausgeprägte) Eigenschaft der Aufmerksamkeits- und Informationsverarbeitung dar, welche – wenn man diese erkennt und nutzt – mit zahlreichen positiven Eigenschaften einher geht. Um diesen Punkt nochmal zu verdeutlichen: die Besonderheit in der Informationsverarbeitung wird heute zunehmend als notwendige Bedingung dieser positiven Fähigkeiten gesehen, welche auf der anderen Seite mit Problemen in anderen Bereichen verbunden sein kann.
Eine dieser Fähigkeiten ist die Fähigkeit, viele Informationen gleichzeitig aufzunehmen und schnell zu verarbeiten. Menschen mit ADHS haben oft ein ausgeprägtes Gespür für Details und können komplexe Zusammenhänge intuitiv erfassen. Diese Fähigkeit ist für assoziatives, kreatives Denken notwendig um flexible und innovative Lösungen zu finden. Es erschwert aber das Bearbeiten von Aufgaben, bei denen ein hoher Grad an Konzentration auf das Abarbeiten von Regeln und ein hohes Maß an Unterdrückung für diese Aufgabe irrelevanter Störreize gefordert ist.
Zu den weiteren typischen Stärken zählen Mut, Spontaneität und eine hohe Anpassungsfähigkeit. ADHS-Betroffene sind oft risikobereiter und wagen sich an neue Herausforderungen heran, ohne sich von Ängsten oder Zweifeln lange aufhalten zu lassen. Ihre Offenheit für Neues macht sie neugierig, experimentierfreudig und offen für unkonventionelle Wege – Eigenschaften, die in einer sich schnell verändernden Welt besonders wertvoll sein können.
Auch Ehrlichkeit und Authentizität sind oft ausgeprägt. Menschen mit ADHS sagen oft direkt und offen, was sie denken, und handeln aus dem Bauch heraus. Sie verhalten sich damit seltener taktierend oder manipulativ. Dies macht sie zu loyalen Freunden und Kollegen, die sich für Fairness und Gerechtigkeit einsetzen.
Hinzu kommt ihre hohe emotionale Intensität: Viele ADHS-Betroffene erleben nicht nur Herausforderungen wie Reizbarkeit oder Frustration intensiv, sondern auch positive Gefühle wie Freude, Begeisterung und Mitgefühl. Sie können sich leidenschaftlich für Themen oder Menschen einsetzen und sind oft besonders einfühlsam, hilfsbereit und sensibel für die Emotionen anderer. Ihre Energie und Begeisterungsfähigkeit wirken ansteckend, wodurch sie ihr Umfeld inspirieren und motivieren können.
Durch die richtige Umgebung und passende Strategien können diese Stärken gezielt genutzt werden, um das eigene Potenzial optimal zu entfalten – sowohl im beruflichen als auch im persönlichen Leben. Eine gesicherte Diagnose und eine begleitende ADHS-spezifische Therapie können dabei helfen und auch dabei, Risiken und Beeinträchtigungen zu verringern.
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